09.03.2008, Sonntagszeitung, GESELLSCHAFT (Gesellschaft), Seite 61 - aus D1, D2, B, M, R
Der Blick der Seelenfängerin

Die Fotografin Gabo porträtiert berühmte Zeitgenossen. Typisch für ihre Kunst: ein Schuss Erotik

VON FRANZ JOSEF GÖRTZ

Der todesmutige, weil nicht ganz schwindelfreie Joschka Fischer auf dem Dach der Frankfurter Alten Oper. Der freche Peter Ustinov in der Fahrrad-Rikscha zusammen mit Verona Pooth. Uwe Ochsenknecht unter der Dusche und Heinz Hoenig mit einem Federvieh an der Brust: Man erinnert sich - das hat man gesehen, diese Bilder haben sich eingeprägt.

Irgendwann sah Herbert Grönemeyer nicht mehr wie der Jüngling aus Wolfgang Petersens "Das Boot" aus. Und Boris Becker kam nicht mehr milchbärtig daher, sondern hatte das Bübische abgelegt, war auf Plakaten zum attraktiven Mann herangewachsen. Doch wer hatte das bloß so unverwechselbar schön fotografiert?

Gabriele Oestreich-Trivellini war es. Aber unter diesem Namen ist sie vollkommen unbekannt. Gabo nennen alle sie, weil das nach einem Markenartikel klingt und über das Geschlecht der Person nichts verrät. Ein Kürzel, das vor allen Dingen männlich anmuten sollte.

Seine Erfindung signalisierte vor zwanzig Jahren gleichzeitig einen Berufswechsel. Das Model Gabriele, seit den Achzigern international für Harrods und BMW, Miederwaren und Haarkosmetik unterwegs, wollte nicht länger fotografiert werden. Sondern die Kamera selbst in die Hand nehmen. Von einer Karriere als Opernsängerin hatte sie als Kind geträumt. Dafür allerdings wäre die junge Frau damals viel zu schlank gewesen.

Ihrem Vater, einem Anwalt in Hamburg-Harvestehude, hätte es durchaus gefallen. Der ambitionierten Mutter, einer Kunsthändlerin, gewiss auch. Doch darüber mag sie jetzt nicht reden. Lieber über Hühner. "Dass Sie Hühner mögen, gefällt mir", sagt sie. Und erzählt von den beiden Küken in ihrer Finca auf Mallorca, die erst "wahnsinnig allein" waren, bis sich ihre Nachkommen zur Landplage auswuchsen. Einmal hat sie eines ihrer hundert Hühnchen sogar in eine Talkshow geschmuggelt - und niemand hat's gemerkt. Wir besuchen sie in ihrem Studio in Potsdam. Dort hat sie, sagt sie wie zur Entschuldigung, nur Hund und Katze um sich.

Wie wir auf die Hühner gekommen sind? Über die Lämmer, die in einer ihrer Foto-Serien immer so traurig dreinblickten, dass Gabo schwor, nie mehr Lammfleisch zu essen. Liegt schon ein paar Jahre zurück, aber Lamm isst sie immer noch nicht.

Dem Schauspieler Heinz Hoenig hat sie bei einer Porträt-Session auf Mallorca ein Federvieh schnell mal in den Arm gedrückt. Einfach so. Das ist ihre Art, erfrischend burschikos. Auf dem Konterfei presst er, barfuß und in abgewetzten Jeans, das Tier brav wie einen Säugling an seine Brust, vollkommen entspannt und dem Alltag weit entrückt: Herr und Huhn. Und sonst nichts auf der Welt.

Daran sind Gabos Porträts leicht zu erkennen. Der Alltag wird auf Distanz gehalten. Wie bei einem Guckkasten-Theater, dessen Vorhang sich ein Stück weit öffnet, um den Blick für ein paar Augenblicke auf Mitspieler und Kulissen freizugeben. Mit Vorliebe auf Menschen in ausgefallenen Situationen: Til Schweiger in der Wanne, Wolfgang Joop mit einem Messer an der Gurgel, das Ehepaar Ochsenknecht in stählernen Liebesfesseln. Schauspieler mag sie gern, lieber als Politiker oder Sportler - Faustkämpfer wie Regina Halmich oder Axel Schulz vielleicht ausgenommen. Und Boris Becker.

Gern immer wieder auch Veronica Ferres, von der Gabo schwärmen kann wie umgekehrt die Schauspielerin von ihr: "Gabo ist eine Frauen-Liebhaberin. Wenn sie einen mag, dann geht sie auf Entdeckungsreise. Und sucht nach dem Gesicht hinter dem Gesicht, das alle kennen." Boris Becker glaubten alle zu kennen, seit er 1985 Wimbledon gewonnen hatte: als flaumbärtigen Eleven mit linkischem Habit, der öffentlich ungern in ganzen Sätzen redete. Gabo hatte einen Narren an dem sportiven jungen Mann gefressen und ihn von 1986 an immer wieder fotografiert: erst in Monte Carlo, dann in Miami, dann in München. Und in den späten Neunzigern, als Becker das Posieren und die schlagfertige Rede schon ein wenig beherrschte, hat sie ihn schließlich komplett umgestylt: zu einem richtigen Mann, einem gutaussehenden Typ mit virilem Stoppelbart und auffallend tiefblau leuchtenden Augen. Tagelang, erzählt sie, ist sie mit ihm umhergezogen, hat ihn studiert und fotografiert, um dem Mann unverwechselbare Konturen verpassen zu können. Im Gespräch nennt sie es: "seine Seele einzufangen".

Eine "Seelenfängerin" wird Gabo oft genannt. Zweifellos mit Respekt vor ihrer Kunst, immer wieder jene Millisekunde ins Bild zu holen, die von der Persönlichkeit alles zeigt - und viel mehr als deren Physiognomie. Nach dem Relaunch jedenfalls war Boris reif für die TV- und Plakatwerbung.

Gabo hat das neue Becker-Image inszeniert wie zehn Jahre zuvor das Phänomen Herbert Grönemeyer. Mit dem war sie 1986 eine Tournee lang unterwegs. Der "Stern" hat daraus eine spektakuläre Titelgeschichte gemacht. Weil sie im unpassendsten Moment erschien, in der Woche nach Tschernobyl, hat der Chefredakteur gehen müssen. Tschernobyl war kein Thema, dem man die Celebrity-Fotografie ungestraft hätte vorziehen dürfen.

Porträts waren die Grönemeyer-Bilder nicht, Reportagefotos auch nicht. Sondern Standbilder aus einem rasant laufenden Film, auffallend unaufgeregte Schnappschüsse auf den Hauptdarsteller. Das war eine neue, wohltuend unzimperliche Optik. Und sie bedeutete Gabos Durchbruch. Seitdem fotografiert sie regelmäßig für "Spiegel" und "Stern", für "L'Uomo" und den "Rolling Stone": Porträts vor allem, Mode gelegentlich, Reportagen weniger. Die verhinderte Opernsängerin sagt: "Auf meiner Lebenswunschliste steht jetzt ein ganz anderer Berufswunsch: Regisseurin."

Folgerichtig also, dass die Künstlerin sich nach Ausstellungen in Wien und Cannes und nach der großen Retrospektive, die vor zwei Jahren die Hamburger Fotogalerie "Camera Work" für sie veranstaltete, irgendwann eine richtige Bühne gesucht hat - einen Showroom für all die kleinen und großen Liebesdramen, von denen sie in ihren Bildern nicht mehr als eine Szene aus dem ersten oder letzten Akt Gestalt annehmen lässt. In der Bremer "Theatergalerie" im geräumigen Foyer ist ihre Werkschau "Gabo analog" derzeit bis zum 17. Mai anzuschauen. Die Preise der Bilder liegen zwischen 1200 und 3500 Euro.

Sobald das Wichtigste gesagt scheint über die von Gabo favorisierte, angeblich vollkommen altmodische analoge "Menschenfotografie", stellen wir das Bandgerät ab und nehmen den Plauderfaden wieder auf. Ihre Hündin, die sich jetzt zu uns auf die Couch getraut hat, erhofft sich von dem lockeren Gesprächston deutlich mehr Zuwendung. Nur die uralte Katze hält schläfrig Abstand. Natürlich fotografiert die "Starfotografin", wie der "Spiegel" sie salopp zweideutig nennt, auch digital: "Für den privaten Gebrauch", sagt sie, "und gern, wenn es gewünscht wird." Da das schneller gehe, viel billiger sei und die Umwelt nicht belaste. Ungern würde sie nacktem Blech digital zu Leibe rücken, "weil das keinen Schmelz hat und viel zu realistisch ist". Für den neuesten Audi hat sie allerlei Werbung fotografiert: sehr emotionale und poetische Bilder, ein erotisch pointierter Hingucker - und mindestens so auffallend wie verchromte Kühlergrills.

In Szene gesetzt hat sie die automobile Lovestory mit Natalia Wörner und Robert Seeliger an der italienischen Riviera, als Promotion-Strecke, die dann in zwei Magazinen erschien. "Advertorial" nennen Werbeleute solche deutlich dem redaktionellen Umfeld angeglichenen Formate, sagt sie achselzuckend. Die Kosten trägt selbstverständlich der Anzeigenkunde. Doch anders, so Gabo, ließe diese aufwendige Fotografie mit solch pompösen Bildstrecken sich überhaupt nicht mehr finanzieren.

Reden wir also rasch noch übers Geld? Auch das absolviert sie mit burschikoser Nonchalance. "Ich habe ein Riesenteam", klagt sie lächelnd, "für Maske, Haare und Styling, außerdem zwei Assistenten, und manchmal kommt ein Setbauer dazu - oder es muss eigens eine Location gesucht werden. Die alleine kann 1500 bis 2000 Euro am Tag kosten, wenn man denn dort überhaupt ein Foto machen darf. Da kommt einiges zusammen." Auch die Klamotten müssen geliehen werden, stunden- oder tageweise. Und die Damen brauchen ein Make-up und einen Haarstylisten - für einen Fototermin von einer Stunde und weniger."Hamburg 1994, Eric Clapton", sagt sie, ohne lange überlegen zu müssen. "Der wollte einfach nicht, machte sein finsterstes Gesicht, stützte das Kinn auf die Hand, zog die Augenbrauen zusammen und schwieg." Und dann? "Dann ging er. Aber ich glaube, da war er ganz authentisch, und ich habe seine Seele getroffen." Es ist eines ihrer Lieblingsbilder. Sagt sie.

Bildunterschrift:

Augen auf: Gabo geht es um Charakter und Persönlichkeit, wenn sie Menschen in den Blick und vor die Kamera nimmt. Tiere sind als Statisten willkommen.

Foto Christian Thiel.

Roger Cicero macht auch noch hinter vorgehaltener Hand Eindruck. Yoko Ono posiert als Indiofrau. Nur Til Schweiger duckt sich vor der Kamera, ebenfalls nachdenklich.

Fotos Gabo

Kasten:
"Eric Clapton wollte einfach nicht, machte
sein finsterstes Gesicht und schwieg."

Von Gabriele zu Gabo

Gabriele Oestreich-Trivellini, am 15. April 1962 in Hamburg als Tochter
einer Kunsthändlerin und eines Rechtsanwalts geboren, ist eine der
bekanntesten Porträtfotografinnen Deutschlands. Nach einer Karriere als
Model Ende der achziger Jahre studierte sie in Hamburg Grafikdesign und
absolvierte 1982 und 1983 ein TV-Volontariat in Hamburg und München. Seit
1984 arbeitet sie als Fotografin unter anderem für "Stern" und "Spiegel".