Hamburger Morgenpost Online vom 21.11.96

 

13 Frauen, die Hamburg bewegen - Heute: Fotografin Gabo

Zur Kirche kam Gabo wie die Jungfrau zum Kind. "Aus Versehen" war sie eines abends auf dem Weg von der Reeperbahn nach Hause in eine Kirche geraten, zusammen mit ihrem Freund und Punksänger Campino. Erst nachts um vier kamen sie wieder heraus. In der Zwischenzeit hatten sie mit Mönchen und einer gepiercten Priesterin getanzt und Wein getrunken und über Gott und die Welt geredet. Es war gerade Kirchentag.

Ein halbes Jahr später lag die Fotografin mit dem dunklen Wuschelhaar in Lederhosen auf dem kalten Kirchenboden der Abtei Königsmünster und fotografierte Jesus am Kreuz von unten. Und die Mönche in Kutten, als wären sie dem Film "Der Name der Rose" entsprungen. "Das war für ein Buchprojekt der Mönche", erzählt Gabo, "das hat mich sofort interessiert."

In der Branche ist Gabo ein Star, gilt als Prominenten-Fotografin. Doch diese Bezeichnung haßt sie: "Ich bin Menschenfotografin." Marius Müller-Westernhagen, Ben Johnson und Joop, Marla Glen, Ralf Bauer und Boris Becker standen bei ihr vor der Kamera. "Aber es geht mir auf die Nerven, immer als die Boris-Becker-Fotografin gehandelt zu werden." Die Seele der Menschen interessiert sie, ihre Emotionen. Und nicht, was sie darstellen.

Darum fotografierte sie außer Stars auch Asylbewerber aus Sarajevo, Kinder für UNICEF und während des Golfkrieges das Projekt 'Mutter Erde blutet'. "Solche Problem-Fotos sind leider kaum noch gefragt", sagt Gabo, "ich werde sogar noch dafür angegriffen." Dennoch - sie spendet Honorare und setzt sich für Menschen ein, die Hilfe brauchen. Modefotos mit "momentan gefragten, magersüchtigen und bleichen Mädchen" lehnt sie ab, "so sehen Frauen nicht aus. Wir leben, haben deshalb Speck und Falten."

Gabo verdient zwischen "null und richtig viel am Tag", je nach Art des Auftrags. Am Anfang hatte sie es nicht leicht, als Fotografin Fuß zu fassen. Damit männliche Kollegen nicht spotten, "ach, mal wieder ein Modell, das fotografiert", gab sie sich den Künstlernamen Gabo. Doch auch nachdem aus Gabriele Oestreich Gabo geworden war, legten ihr Männer Steine in den Weg.

Eines Tages schlug sie einem Stadtmagazin ihre erste Reportage vor: "Wo Männer überall pinkeln" sah auch der Art Director vom "stern". "Ich habe 'ne Chance gekriegt. Erst Herbert Grönemeyer auf Tournee fotografiert, dann Titelbilder. Und mit 'stern'-Titeln in der Mappe war ich nicht mehr aufzuhalten."

Einmal war sie zu einem Vortrag in Berlin eingeladen, mit illustren Fotografen wie Helmut Newton. Gabo war die jüngste Teilnehmerin und einzige Frau, die den 600 Gästen ihre Bilder zeigte. Als Boris Becker dran war, rief eine Frau aus dem Publikum: "Und haben sie nun mit ihm geschlafen?" Das habe ihr wahnsinnig weh getan. Immer dieses Bild, Frauen hätten nur Erfolg mit der Tour durch die Betten. Mit Mühe rang sie sich ab: "Fotos mache ich nicht mit dem Hintern."

Inzwischen setzt sich Gabo auch dort durch, wo Frauen es besonders schwer haben. Ob sie bei Indianern in Paraguay ist, die nur mit dem einzigen Mann im Gabo-Team reden, einem Modell. Oder in Ägypten Termine organisiert, wo viele Araber statt zuzuhören nur auf das Delphin-Tattoo auf ihrer linken Schulter starren. "Wenn man richtig im Geschäft sein will, kann man nicht sagen, 'ich bin ein Mädchen und fotografiere nur in Amerika' und dann mit lackierten Fingernägeln auf den Auslöser drücken", sagt sie grinsend. Zur Not müsse man auch "in Hundescheiße stehen" können.

Bei ihrem nächsten Termin wird das sicher nicht passieren. Sie fliegt zu Tennis-Star Gabriela Sabatini nach Argentinien, um dort Werbefotos für ein neues Parfum zu machen. Wie es kommt, daß die Sabatini gerade eine deutsche Fotografin einfliegen läßt? "Die mag mich eben. Ich habe sie öfter fotografiert. Sie weiß, daß ich auf Fotos niemanden verrate."