SZ vom 24.9.2005

Herrin des Lichts

Sie gilt als "deutsche Annie Leibovitz": Die Porträt-Kunst der Fotografin Gabo

Wenn jemand eine Retrospektive macht . . . "dann ist das wie ein kleiner Tod", sagt Gabo: "Als ob man gleich seinen Abgang hinlegen kann, weil alles getan ist und so hübsch an den Wänden hängt." Die Fotografin fühlt so, wenn sie in diesen Tagen in der Hamburger Galerie Camera Work steht, vor ihren 100 knatschbunten bis schwarz-weißen Star-Porträts. Fast 20 Jahre deutsches VIP-Volk mit Schwerpunkt Schauspieler zeigt die bis Anfang Oktober laufende Ausstellung, dazu Größen aus Hollywood und der Musikbranche.

Hier hängen der Bundeskanzler und die Toten Hosen, Axel Schulz und André Heller, Helmut Schmidt und Peter Ustinov, David Copperfield und Herbert Grönemeyer, Wolfgang Joop und Warren Beatty - und die "Lebensabschnittsbegleitungen" Boris Becker, Veronica Ferres oder Uwe Ochsenknecht, deren öffentliches Image wie auch persönliche Neu(er)findungen sie über viele Jahre mit inszenierte und dokumentierte. Gabos Fotos zierten in den vergangenen Jahren die Titel großer Blätter wie Stern, L'Uomo Vogue, Spiegel, Rolling Stone.

Für die Retrospektive, die danach in München gezeigt werden soll, stand die 44-Jährige "vor diesem Wahnsinnsberg von Fotos und Negativen" und musste den roten Faden finden. Banalste Fragen seien aufgetaucht: Was hast du über die Jahre getrieben? Was ist geblieben? Welche Köpfe kommen in die Rahmen? Wer ist wichtig, was ist wichtig? "Du machst einen Spaziergang durch all die Jahre und schwelgst in tausend Souvenirs."

Gabo wird gerne die "deutsche Annie Leibovitz" genannt: Sie hat es wie keine Zweite geschafft, mit ihrer Kamera die deutsche Prominentenlandschaft zwischen Politik, Kultur und Society zu kartografieren sowie von internationalen Stars gebucht zu werden: "Die wissen, dass ich mit Licht nicht nur umgehen, sondern auch ein bisschen zaubern kann." Mit Licht zu schmeicheln, die schönste Seite hervorzukitzeln, ist das, was sie vor allem gerne tut.

Gabo alias Gabriele Oestreich-Trivellini, hat in jungen Jahren als "rassiges Model" die Wirkung von Licht am eigenen Leib erlebt. Der große Helmut Newton (Big Nudes) allerdings verschmähte sie, da sie ihm nicht gleich den nackten Busen zeigen wollte. Nebenbei fotografierte die Hamburgerin damals ihre Model-Kollegen. Später, als sie schon Cover für Magazine produzierte, posierte Fräulein Oestreich zuweilen noch für namhafte Werbefotografen auf den Bahamas. Ihren Künstlernamen "Gabo" hielt man für ein männliches Pseudonym.

In zehn Model-Jahren gewann Gabo die Überzeugung, dass die Kamera vieles schafft: "Mit ein bisschen raffiniertem Licht kann man aus jedem eine gewisse Schönheit machen! Aber genauso genügt ein blöder Blitz aus der falschen Richtung - und man ist gemein entstellt, mit Augenringen und Doppelkinn und richtig fiesen Falten."

Die punkangehauchte Tochter aus großbürgerlichem Anwaltshaus in Hamburg-Harvestehude führte zwischen Paris, Mailand, London und der Insel Bimini mit ihrem späteren Ehemann Renzo Trivellini das "Leben eines Großstadt-Indianers"; gemeinsam segelten sie ein Jahr lang über die Weltmeere und Gabo wurde nicht selten auf gottverlassenen Inseln und Stränden abgesetzt, weil ihr so oft übel war. In dieser Zeit beschloss sie, dass sie eine eigene Kamera braucht, für ihren Beruf, für ihre Berufung. Ein Jahr später, 1986, kam der erste große Auftrag: mit dem Pop-Musiker Herbert Grönemeyer auf Tournee.

Am Tag nach Tschernobyl kam sie mit diesen Fotos auf den Stern-Titel; der damalige Art Director Wolfgang Behnken hatte sie entdeckt, Chefredakteur Rolf Winter freilich überstand die Pro-Grönemeyer-Gabo-Entscheidung nicht, da Verlag und Redaktion den Reaktorunfall als ziemlich bedeutsam und Titel-Pflichtthema ansahen. 1987 bekam Gabo ihren Sohn Janik und organisierte ihre erste legendäre Foto-Session mit dem neuen Nationalhelden Boris Becker. Den Tennisspieler stilisierte sie in Schwarz-Weiß zu einer Ikone. Gleichzeitig versuchte es Gabo mit klassischer Reportage-Fotografie: sie dokumentierte Aids in Uganda und den sterbenden Regenwald, fand sich jedoch besser in der Foto-Regie, in der Inszenierung fantasievoller Modestrecken und frauenfreundlicher Werbebilder. "Die wildesten Liebesdramen" habe sie sich ausgedacht und lustvoll runde Mädels gebucht, während Shootingstars der Fotoszene wie Juergen Teller mit blässlichen Wesen im Opferlook den Zeitgeist prägten.

Schließlich fand Gabo ihre Nische: Prominente als Testimonials für Mode und Werbung: mit Barbara Sukowa, Axel Schulz und wieder Boris Becker als ersten Modellen. Viele Berühmtheiten folgten. "Ich kann recht gut Gefühl und Stimmungen provozieren. Besonders mit Schauspielern entsteht oft ein irres Wechselspiel", sagt sie. In der Sterilität eines Studios arbeite sie deshalb nicht gerne: "Da kommt man nicht in Stimmung."

Auf dem Set geht es mit ihr hoch her. Ganz besonders liebt "super sister Gabo", wie man sie nennt, Shootings mit Frauen. Mit einer Riege von Hannelore Elsner bis Veronica Ferres, Iris Berben oder Natalia Wörner, werden die Ex-Lover der Zukunft ebenso diskutiert wie "Pickel am Popo". Gabo sei "eine Frauen-Liebhaberin", sagt Veronica Ferres: "Wenn sie einen mag, dann geht sie auf Entdeckungsreise - und sucht nach dem Gesicht hinter dem Gesicht, das alle kennen." Die Münchner Schauspielerin erklärt, davon habe sie "total profitiert" und auf diese Art die Wirkung von Licht sowie das Bewegen vor der Kamera gelernt: "Wir sind wie Schneeweißchen und Rosenrot", so Ferres über ihr Verhältnis zu Gabo.

"Dass Qualität Zeit braucht, wissen die richtigen Leute", freut sich die Fotografin - "und sie nehmen sie sich mittlerweile auch." Keine Zeit hatte Eric Clapton, der während seiner Zehn-Minuten-Audienz auf ein PR-Smile für Gabo verzichtete, dann aber einen so echten Blick in seine Mieslaunigkeit gewährte, dass Gabo dieses Werk zu einem ihrer stärksten Bilder zählt. Ganz anders sei es mit Kevin Costner gewesen - "um noch ein wenig promi-mäßig aus dem Nähkästchen zu plaudern". Da bekomme sie noch heute weiche Knie, wenn sie daran denkt, wie der Cowboy-Charmeur sie ermunterte, ein Foto wacklig stehend in den Hotelbettkissen zu schießen: "If you fall, I'm right there with arms open!", habe er unter ihr gesagt. Sie fiel nicht. "Trotzdem hübsche Geschichte, oder?"

Gabo ist stolz auf ihren Status, "es als Deutsche in Deutschland soweit gebracht" zu haben und wöchentlich aus ihrer Wahlheimat Mallorca für Hollywood-Termine oder Musikvideos oder mehrtägige Werbe-Shootings eingeflogen zu werden, so zum Beispiel erst kürzlich für die Sitzfirma Recaro. Auf der IAA in Frankfurt hatte sie sämtliche Automobilchefs vor der Kamera. Noch immer nutzt sie dabei die "heute schon bald altmodische" Analog-Fotografie - nichts digital und manipuliert, sondern auf Film, mit Feingefühl maßvoll retuschiert: "Respect man!" (O-Ton Gabo). Das Thema Digital lässt sie gleichwohl nicht los: "Jetzt, wo ich mich langsam entscheiden muss, ob ich mit den Wölfen heule oder weiterhin mit meiner heißgeliebten Großbildfotografie herum hantiere." Nur, wo geht die Reise hin, wenn keine Stimmung, keine Lachfältchen, keine spontane Unschärfe mehr eine Rolle spielen, weil das Bild am Screen eines "Composers"entsteht? Wird Fotografie als Kunstrichtung ins Museum wandern - "und ich gleich mit?", fragt Gabo.

Nein, sie will weiterhin für "leidenschaftliche Lebensgelüste aller Art" stehen. Auf Mallorca klettert sie oft auf ihren "wahren Lebensgefährten", den Rappen Donner - "genauso verfressen, faul und aus gutem Hause wie ich". Bei einer Überquerung der Anden per Pferd mit ihrem einstigen Lebensgefährten Campino hat sie erfahren, wie sehr sie Natur braucht. Nach sechs "wirklich wichtigen Lebensjahren" mit dem Sänger der Toten Hosen fing sie dann 1999 ihr neues Leben auf der Balearen-Insel Mallorca an.

Dort hält die Fotografin innere Balance - nach Gabos Gusto ein "meditatives Leben zwischen hustenden Flöhen und ziehenden Wolken". UTA GRUENBERGER

 

 Copyright © sueddeutsche.de GmbH/Süddeutsche Zeitung GmbH