Weser-Kurier vom 10.01.2008, Seite: 24

Manchmal können auch Lebkuchen sexy sein

Die Theatergalerie in Bremen zeigt eine umfassende Werkschau der Fotografin Gabo
Von unserem Mitarbeiter Dieter Begemann BREMEN.

Die neue Theatergalerie, die dem Bremer Theater am Goetheplatz angegliedert ist, eröffnete nach der erfolgreichen Premiere mit Malerei von Armin Mueller-Stahl gestern ihre zweite Ausstellung, diesmal mit Fotografien von Gabo. Die aus Hamburg stammende Fotografin passt gut in den Rahmen des Theaters, erinnern ihre Arbeiten doch häufig an die klassische Theaterfotografie. Gabo aber nutzt die Mittel der theatralischen Inszenierung für ihre eigenen Zwecke.

Der Zugang zum Medium war für die 1962 in Hamburg geborene Fotografin ein zweifacher: Neben dem Grafikstudium arbeitete sie erfolgreich als Model. Die Welt der Modefotografie mit ihrer hochgradigen Stilisierung war für sie nachhaltig stilprägend. Neben diesen Bereich trat dann die Reportagefotografie für Magazine wie "Spiegel" und "Stern". Deren Sujets können südamerikanische Regenwälder sein oder urdeutsche Kneipen, vor allem aber medienbekannte Menschen aus Unterhaltung und Politik, Film und Sport. Aus diesem Kreis rekrutieren sich auch die Modelle der jetzt in der Theatergalerie gezeigten, sehr umfangreichen Auswahl aus dem Werk der Fotografin. Der Sänger Herbert Grönemeyer beispielsweise ist zu sehen oder Boris Becker, zu dessen Imagewandel Gabo mit ihren Fotos beitrug.

Die Homestory verspricht dem Medienkonsumenten den direkten Kontakt zur Prominenz, die perfekte Oberfläche der Bilder aber lässt jeden wirklich privaten Blick abprallen. Ein öffentlich kursierendes Image beruht bekanntlich wesentlich auf der schlüssig geplanten und stringent durchgeführten visuellen Darstellung. In diesem Fall lässt sich auch gut nachvollziehen, dass wirklich gut gemachte Fotos - und das sind die Fotos von Gabo - eine Art Wahrnehmungsmonopol errichten können, das irgendwelchen seitab und zufällig entstandenen Darstellungen von dritter und vor allem unautorisierter Seite keinen Raum lässt. Das gilt für Personen nicht weniger als für Produkte: Der Anbieter möchte eine positive Wahrnehmung seines Produktes in den Köpfen des Publikums verankern. Die gute alte Sachfotografie freilich wäre dazu längst nicht mehr in der Lage, gerade in Zeiten technischer Standardisierung der Produkte ist der emotionale Mehrwert unverzichtbar.

Neben den Bildnissen der Berühmten und (beeindruckend) Schönen macht Gabo Werbefotografie. So entstand für Audi eine Fotoserie, die nur aussschnittsweise das Auto selbst in den Blick nimmt - den Kühlergrill und in Untersicht einen muskulösen männlichen Oberkörper vor windgepeitschten Pinien und Gewitterhimmel -, meist aber in verwischten Fragmenten Frauen und Männer zeigt: Kleine Szenen, die den Betrachter die zugehörige Geschichte assoziieren lassen, mit sich selbst in der Hauptrolle vermutlich. Die unscharf gewordene Grenze zwischen kommerzieller Auftragsarbeit und freier Kunst, Resultat der Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte, eröffnet ungeahnte Möglichkeiten: Gabo kombiniert in einer perfekt fotografierten Serie für einen Süßwarenhersteller schöne Frauen in erotischen Posen mit einem Produkt, das bisher nicht gerade für seinen Sex-Appeal bekannt war: Lebkuchen!

Die Theatergalerie erhielt kürzlich eine Auszeichnung für ihre Arbeit im Innovationswettbewerb "Deutschland - Land der Ideen". Damit Besucher diese Bereicherung der Bremer Kulturszene nutzen (und gegebenenfalls genießen) können, sind die Ausstellungen unabhängig vom Spielbetrieb des Theaters zu sehen. Die Räume sind vom Foyer der Theaterkasse aus über die Treppe zugänglich. Die Ausstellung ist bis zum 9. April dienstags bis sonnabends von 11 bis 16 Uhr zu sehen.

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